17. November 2007, 04:00 Uhr
Von Birgitta Vom Lehn
Behörden sperren Konten der Eltern von Hausschülern
Bremen - Bremens Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) könnte Geschichte schreiben. Sie könnte als erste Chefin einer deutschen Bildungsbehörde den Hausunterricht - das Homeschooling - offiziell anerkennen, denn in ihrem Bundesland lebt die Familie Neubronner. Moritz (10) und Thomas (8) weigern sich hartnäckig, zur Schule zu gehen. Die Mutter ist Biologin, der Vater Sozialpädagoge. Sie führen einen kleinen Verlag.
Kaum eine große Zeitung, die nicht schon über diese Familie berichtet hätte. Die "taz" sprach anerkennend von einer "Bilderbuchfamilie" und titelte: "Die spinnen, die Bremer". Und mit "den Bremern" war die Bildungsbehörde gemeint. Denn weil die beiden Jungs unbedingt zu Hause lernen wollen, gerät nun die ganze Familie in Nöte. Homeschooling ist in Deutschland zwar - im Gegensatz zu allen anderen europäischen und angelsächsischen Ländern - nicht erlaubt, wird aber dennoch praktiziert: im Grauzonenbereich. Und das wollen die Neubronners ändern. "Wir sind sozusagen die Deppen, machen es öffentlich und handeln uns den Ärger ein", erklärte Dagmar Neubronner gestern im Büro ihres Anwalts Matthias Westerholt. Der Anlass: Gegen die Eltern wurde ein Zwangsgeld von 4500 Euro verhängt, das sie nicht zahlen wollen. "Wir sehen das nicht ein", sagte die Mutter. "Warum sollen wir für etwas bestraft werden, was in ganz Europa zulässig ist? Unseren Kindern geht es ausgezeichnet. Wir haben auch keine religiösen Motive." Sie wolle ihren Kindern lediglich nicht die Arbeit in einem "Großraumbüro" zumuten. Gäbe es religiöse Motive, wäre die Lage wohl eine andere: Gestern lehnte der Bundesgerichtshof eine Beschwerde von Eltern ab, die den Schulbesuch ihrer Kinder als unvereinbar mit ihrem Glauben ablehnen. Dies sei ein Missbrauch elterlicher Sorge, betonten die Richter in Karlsruhe und bestätigten so die Entscheidung des Familiengerichts, das den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte.
Doch auch die Bremer Bildungsbehörde legt nun die Daumenschrauben an und wies das Finanzressort an, sämtliche Konten der Familie zu sperren. "Wir müssen jetzt Hartz IV beantragen", sagte der Vater. "Unsere Existenz steht auf dem Spiel." Die Verlagskundschaft gehe davon aus, dass sein Betrieb insolvent sei. Auf dem Klageweg versuchen die Neubronners seit Längerem, für ihre Kinder eine Ausnahmeregelung zu erwirken. Bis zu einer endgültigen Regelung war eine Kooperation mit der Behörde vereinbart: Die Kinder lernten zu Hause, mussten sich aber regelmäßig von einer staatlichen Grundschule überprüfen lassen. Die Schule stellte den Kindern auch Zeugnisse aus - allerbeste sogar.
Doch die Behörde wollte diese Kooperation jetzt beenden. "Die Familie soll einknicken", sagt Westerholt. Die Behörde insistiert auf dem Schulbesuch. Dagmar Neubronner kontert: "Die Reichsschulpflicht mit polizeilicher Zwangszuführung wurde 1938 unter Hitler eingeführt. Wollen wir ewig daran festhalten?"
QUELLE: http://www.welt.de/welt_print/article1372475/Behoerden_sperren_Konten_der_Eltern_von_Hausschuelern.html
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