Weltalphabetisierungstag Die Angst vor dem ABC
Vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Um dies zu vertuschen, haben Analphabeten ein raffiniertes System entwickelt. Der Weltalphabetisierungstag soll sie dazu bewegen, ihre Scham zu überwinden und in Kursen nachzuholen, was sie in der Schule verpasst haben.
Von Jörn Unsöld für tagesschau.de
Auf dem Bildschirm in der Volkshochschule im Hamburger Stadtteil Billstedt flimmern die Wörter "Igel", "Ameise" und "Liebe". Alexander Müller* liest sich die Aufgabenstellung des Online-Lernprogramms langsam durch. Sie lautet: die Buchstaben "e" und "i" mit der Maus rot und grün markieren.
Der 31-Jährige denkt kurz nach, klickt die Buchstaben an und drückt auf den Button mit den Lösungen: Alles richtig! Sofort macht er sich an die nächste, schwerere Übung, bei der er zwischen langen und kurzen Vokalen unterscheiden soll. Über Kopfhörer hört er sich "Blume" oder "Fluss" an und schiebt die Wörter mit der Maus in die entsprechenden Boxen.
"Ich habe die Rechtschreibung wieder verlernt"
[Bildunterschrift: Rund vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. ]
Müller ist einer von rund vier Millionen funktionalen Analphabeten, die nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland leben. Als funktionale Analphabeten gelten Menschen, deren Kentnisse niedriger sind als die erforderlichen Kompetenzen, die in der Gesellschaft vorausgesetzt werden. Lesen und schreiben können sie höchstens auf dem Niveau von Erst- oder Zweitklässlern - und das, obwohl sie eine Schule besucht haben.
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