Donnerstag, 19. Juni 2008

ABI IM ALLEINGANG

"Warum tue ich mir das an?"

Freigeister aus Freiburg haben der Schule Adieu gesagt, organisieren das Abitur selbst und biegen gerade auf die Zielgerade ein. Achtmal müssen sie in mündlichen Prüfungen ihr Können unter Beweis stellen. Lenya Bock, 19, schreibt über den bitteren Endspurt einer tollen Zeit.

Die Freiburger Selbstlerner: Heftige Phase zum Schluss
DPA

Die Freiburger Selbstlerner: Heftige Phase zum Schluss

"Es macht mir Spaß zu lernen, das war schon immer so. Einige meiner Freunde finden das komisch. Ich lerne gern, sobald ich die Freiheit habe, meine Gedanken auf das zu lenken, was mich wirklich interessiert, ohne dem Druck durch Noten oder einen starren Lehrplan nachgeben zu müssen. Dann ist es keine lästige Pflicht, in Büchern zu stöbern oder lange nachzudenken. Ich freue mich, wenn ich mir wieder etwas Neues erarbeitet habe.

Aber im Moment komme ich an meine Grenzen.

Die letzten Wochen vor dem Abitur sind die anstrengendste und schwierigste Phase unseres Selbstlern-Projekts. Externe Abiturienten wie wir schreiben nicht nur die normalen schriftlichen Klausuren (mehr...), sondern müssen in allen Fächern zusätzlich in eine mündliche Prüfung. Acht Stück sind das bei uns.

Die meisten anderen Abiturienten bereiten sich im Moment auf ihre eine mündliche Prüfung vor, einige wenige müssen sich auf Nachprüfungen einstellen. Ihr grundsätzliches Lebensgefühl ist aber beschwingt: feiern gehen, die Zukunft vorbereiten – 'jetzt komme ich'.

Ständiger Strom

In unserer Lerngruppe sieht es zurzeit anders aus. Wir sind unter Strom, unser Tag besteht aus Lernen, Lernen, Lernen (mehr...). In den letzten Wochen haben wir unsere Methoden umgestellt und für alle Fächer gleichzeitig in kürzeren Arbeitsphasen gelernt. Vor allem in Biologie hatten wir uns mit dem Umfang verschätzt (mehr...). Wir mussten sehen, dass wir mit dem Stoff vorankommen - vom 45-Minuten-Takt der Schule waren wir aber noch immer weit entfernt.

SELFMADE-ABI: WIR SIND UNSERE EIGENE SCHULE

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Erst in dieser Woche haben wir geschafft, was wir uns vorgenommen hatten – und haben noch nichts wiederholen können. Jetzt helfen wir einander dabei, Lücken zu schließen, und lernen sehr viel allein. Bis nächsten Montag muss alles sitzen.

Klar, wir wussten von Anfang an, dass uns am Ende diese acht Prüfungen erwarten. Aber das Wissen ist das eine – sich jeden Morgen wieder zu motivieren, die Sache durchzuziehen, das andere. Es ist der bittere Endspurt einer tollen Zeit.

Manchmal kippt die Stimmung

Oft habe ich in den letzten Tagen gedacht: Warum tust du dir das an? Warum machst du es dir so schwer, warum kein normales Abitur an einer normalen Schule? Dann müsste ich nicht ab Montag achtmal einen Prüfer davon überzeugen, dass ich genug in Deutsch, Geschichte, Mathe, Französisch, Musik, Ethik, Biologie und Englisch weiß, um das Abitur zu bekommen.

DIE AUTORIN

Moritz David Friedrich
Lenya Bock, 19, zählt zu den zehn Freiburger Schülern, die sich ein Jahr vor dem Abi von der Schule abmeldeten - sie wollen das Abi im Alleingang schaffen. Lenya macht Prüfungen in Deutsch, Mathe, Französisch und Geschichte.
Rede ich aber mit meinen ehemaligen Klassenkameraden, erinnere ich mich wieder daran, was die Normalschule für Nachteile hatte: Die Schüler waren, sind und bleiben fremdbestimmt. Sie geben viel zu viel Verantwortung an den Lehrer ab. Wenn die Klausur oder die Prüfung nicht richtig läuft, dann beschweren sie sich, dass der Lehrer sie nicht richtig vorbereitet hat. Dass er ihnen nicht gesagt hat, welches Buch sie lesen sollen, oder ihnen irgendeine andere Information nicht gegeben hat.

Wir können niemanden verantwortlich machen, wenn es nicht läuft – genau so wollten wir es. Im Moment ist die Stimmung ein wenig angespannt. Wir müssen uns sehr auf den Stoff konzentrieren und hochgradig effizient lernen. Da passiert es, dass das Zwischenmenschliche ein wenig zu kurz kommt.

Zwei von uns sind ausgestiegen

Wir sind manchmal gereizt, haben wenig Zeit für Freundlichkeiten oder dafür, immer alles auszudiskutieren. Andererseits geht uns gerade jetzt auf, wie wichtig die anderen für uns sind, und wir treffen uns öfter auch außerhalb unserer "Schulzeit".

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Wir sind weniger geworden: Eine ist nach den schriftlichen Prüfungen ganz ausgestiegen und wird das Jahr wohl wiederholen. Eine andere will sich lieber allein vorbereiten. Sie ist nach den Klausuren einfach nicht mehr zu uns gekommen. Für uns übrigen ist es sehr unterschiedlich gelaufen: Der eine hat einen Sprung von 5 auf 11 Punkte geschafft, für den anderen ist es genau anders herum gelaufen. Alle, die bis heute kontinuierlich dabeigeblieben sind, haben den schriftlichen Teil aber bestanden.

Ich selbst bin gut durchgekommen: Bei meinen Klausuren in Deutsch und Geschichte habe ich genug Punkte, damit es mindestens eine Zwei werden kann, in Mathe und Französisch liege ich sogar auf Einser-Kurs. Ich bin wirklich froh darüber, habe aber jetzt auch ein Problem: In allen schriftlichen Fächern muss ich ja noch in die mündliche Prüfung – zum Beispiel in Französisch, da habe ich 15 Punkte gemacht. Ich kann also fast nur verlieren.

Ende Juni: School's out forever

Um mehr Sicherheit zu bekommen, haben wir Probeprüfungen gemacht und am Ende immer selbst eine Einschätzung abgegeben, wie wir uns zensiert hätten.

ABI OHNE SCHULE: DIE FREIBURGER SELBSTLERNER

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Trotzdem: Die mündlichen Prüfungen sind mir nicht richtig geheuer. Mir kommt es vor, als ob zu einem großen Teil die Person und weniger die Leistung benotet wird. In den Klausuren konnte ich meine Ideen ein wenig reifen lassen, dann ausformulieren und aufschreiben. Bei den mündlichen Prüfungen werde ich achtmal 20 Minuten Vorbereitungszeit haben. Das soll reichen, um bei einem Thema zum Wesentlichen, zum Kern vorzustoßen? Ich finde, das geht nicht.

Montag geht es los, fertig sein werde ich am Freitag, den 27. Juni. Dann sind auch für mich endlich Ferien."

QUELLE

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