Freitag, 9. Oktober 2009

Wer nicht schwänzt, bekommt in Frankreich Geld

Streit um Schulversuch in Frankreich

Wer nicht schwänzt, bekommt Geld

Schwänzen ist verbreitet in Frankreich, gerade an gymnasialen Berufsschulen. Zwischen fünf und zehn Prozent der Schüler bleiben immer wieder weg. Jetzt sollen die Schwänzer mit Prämien gelockt werden.

Von Angela Ulrich, SR-Hörfunkstudio-Paris

Fußballtickets, Kinokarten, jetzt sogar Geld: Darf man Schulbesuch so belohnen? Eine Schülerin einer Berufsschule bei Paris findet das eine gute Idee: "Da haben wir ein Ziel, und das zwingt uns, zur Schule zu kommen. Am Ende stehen wir gut da!"

Bis zu zehntausend Euro als Prämie

Französische Schüler (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Reingehen oder nicht: Schüler vor einer französischen Schule. ]
Doch der Schulversuch sorgt in Frankreich für Streit und heftige Diskussionen. In mehreren Berufsgymnasien in Créteil bei Paris hat das Schulamt eine Prämie gegen das Schwänzen ausgelobt. Bis zu zehntausend Euro für die Klasse, deren Schüler am Schuljahresende am regelmäßigsten zum Unterricht gekommen sind. Davon können die Schüler dann ein gemeinsames Projekt starten, wie beispielsweise eine Klassenfahrt. "Der Trick ist, dass nicht einzelne profitieren, sondern die ganze Klasse", sagt Laurent Petrynka vom Schulamt: "Das Prinzip ist nicht mehr der Einzelne, sondern das Kollektiv. So werden die Schüler zu mehr Gemeinschaftsgefühl erzogen."

Im Klartext: Mitschüler sollen Druck auf die ausüben, die lieber blau machen. Schwänzen ist verbreitet in Frankreich, gerade an gymnasialen Berufsschulen. Zwischen fünf und zehn Prozent der Schüler bleiben immer wieder weg. Doch dass sie jetzt per Geld in die Schule gelockt werden sollen, finden Elternvertreter wie Valérie Marty grotesk: "Das Problem des Schwänzens, gerade an Berufsschulen, muss ernsthafter behandelt werden. Die Schüler bleiben weg, weil sie nicht motiviert sind, weil die Schulform nicht zu ihnen passt."

Scharfe Kritik von Experten

Die oppositionellen Sozialisten wollen Belohnungen für den Schulbesuch generell verbieten. Scharfe Kritik kommt auch von Experten, wie dem Schulforscher Philippe Meirieu: "Stellen Sie sich vor, unsere Kinder wollen künftig für jede Anstrengung bezahlt werden. Was für eine Gesellschaft steckt dahinter, was für ein Menschenbild? Das ist kontraproduktiv, selbst wenn es kurzzeitig Erfolg hat."

Dennoch: Frankreichs Bildungsminister Luc Chatel verteidigt das Projekt. Im Kampf gegen das Schuleschwänzen seien alle Mittel recht.

AudioStreit um französischen Schulversuch [A. Ulrich, SR Paris]

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